Wenn ich mein Kind beim Lügen ertappe

Schwindler, Wichtigtuer und Märchenerzähler!

Groß kann die Enttäuschung sein, wenn wir dahinterkommen, dass unsere „unschuldigen“ Kleinen uns gelegentlich ganz schön an der Nase herumführen und manchmal verschmitzte oder auch dreiste Lügen servieren. Empörung mag sich in Ihnen regen oder die Frage „Was hab‘ ich falsch gemacht?“ Bei solchen Anlässen ist es immer gut, sich zu befragen, was dieses Fehlverhalten wohl mit einem selbst zu tun hat. Bin ich zu streng? Erlaube ich einem Kind nicht, auch unangenehme Gefühle und Wahrheiten zu äußern, ohne sofort unterbrochen, belehrt oder gerügt zu werden?  Eine selbstkritische Innenschau kann nicht schaden.

Der Fehler muss aber nicht automatisch bei Ihnen liegen. Lügen ist nun einmal ein Teil unseres menschlichen Verhaltensspektrums und wird durchaus auch von Kindern schon sehr gekonnt angewendet.

Kleine Kinder erzählen gerne Märchen

Wenn es sich um kleinere Kinder handelt, muss man wissen, dass insbesondere kreative, fantasiebegabte Kinder oft einfach aus ihrer Fantasie heraus „Märchen“ erzählen und später dann mit Neugier beobachten, welche Reaktionen sie damit auslösen. Dies ist auch ein Kennzeichen der so genannten magischen Phase im Kindergartenalter. Durch aktives Zuhören können Sie in die Welt Ihres Kindes eintauchen und ihm ermöglichen, die wertvolle Gabe der Fantasie auszubilden und auszudrücken, um ihm dann klar, aber behutsam (statt: „du sollst nicht lügen!“) den Unterschied zwischen Fantasie und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge zu erklären. Dann wird es mit der Zeit verstehen, dass Wahrheit und Klarheit eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen zwischenmenschlicher Beziehungen sind.

Warum Kinder lügen

Beim richtigen Lügen geht es im Wesentlichen um zwei Dinge: entweder das Kind lügt aus Angst oder weil es damit etwas bezwecken will, was es glaubt, mit anderen Mitteln nicht erreichen zu können. Verzichten als moralische Haltung ist etwas, was es erst mit Ihrer liebevollen Unterstützung lernen muss. Es ist eine Haltung, die durchaus nicht selbstverständlich oder gar angeboren ist. Angeboren ist jedoch unser menschlicher Geltungstrieb und der Wunsch, unsere Bedürfnisse zu befriedigen und unsere Wünsche und Anliegen durchzusetzen.

Es ist also wichtig, dass seine Wünsche und Meinungen von Ihnen ernst genommen werden. Es liegt an Ihnen, Ihrem Kind zu zeigen, welche Mittel und Wege angebracht sind (z.B. eine höflich formulierte Bitte), um sich durchzusetzen, anstatt zu lügen oder sonst irgendwelche Tricks anzuwenden. Es soll erleben können, dass Sie verhandlungsbereit sind und dass mit guten Argumenten und Fairness etwas zu erreichen ist.

Lügen als Mittel zum Zweck

Lügen werden oft als Mittel zum Zweck eingesetzt, um Vorteile zu erlangen („Wir brauchen 10 Euro für die Klassenkassa“ statt „Ich will ins Kino gehen“) oder um Schwierigkeiten oder Anstrengungen zu vermeiden („Wir haben keine Hausübung“ statt „Ich mag lieber Fernsehen“).

Wenn Sie Ihr Kind also beim Lügen ertappen, ist es wichtig, ein ernstes, aber verständnisvolles Gespräch zu führen, um herauszufinden, welche Bedürfnisse das Kind mit der Lüge befriedigen wollte. Dann helfen Sie ihm, seine Wünsche nach Wichtigkeit und Dringlichkeit selbst zu bewerten und gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen, diese in die Wirklichkeit umzusetzen oder einen Weg zu finden, sich Schwierigkeiten und Herausforderungen zu stellen. Dann wird es akzeptieren, dass der leichte Weg nicht immer der beste ist und schrittweise Frustrationstoleranz und Verzichten lernen.

Lügen aus Angst vor Strafe

Die andere große Ursache für kindliches Lügen ist die Angst: Angst vor Strafe, Angst vor Schimpfen, Angst vor Verboten oder auch Angst, Ihnen weh zu tun. Angst ist auf alle Fälle ein schlechtes Erziehungsmittel, selbst wenn es Ihnen gar nicht bewusst sein mag, dass Ihr Verhalten Angst auslöst. Es ist wichtig, dass Ihr Kind Ihnen alles sagen kann, ohne sich fürchten zu müssen und ohne sich unter Druck zu fühlen, beispielsweise durch Fragen, die sich anfühlen wie ein Verhör. Gerade, wenn etwas schiefgelaufen ist (die eingeschlagene Fensterscheibe, der Fünfer im Zeugnis, der Kaufhausdiebstahl, etc.) zeigt es sich, ob die Vertrauensbasis zwischen Eltern und Kindern tragfähig ist.

Seien Sie offen, direkt, aber nicht bedrohlich

Wenn Sie Ihr Kind beim Schwindeln ertappen, geben Sie nicht eine Botschaft von sich wie etwa: „Du Lügner! Jetzt bist du unten durch bei mir!“  sondern versuchen Sie es unter vier Augen zu konfrontieren, indem Sie den Vorgang in kleine Schritte zerlegen: 1) Ihre objektive Wahrnehmung: „Ich habe vorhin diesen Knall gehört und sehe, dass die Scheibe kaputt ist. Ich kann nicht glauben, dass es der Wind war, denn das hört sich anders an“ 2) Ihre Vermutung (nicht Unterstellung): „Ich habe das Gefühl, dass du mir nicht die Wahrheit gesagt hast.“ 3) Stellungnahme abwarten (z.B. durch einladendes Schweigen, um Ihrem Kind Zeit und Raum zu geben) oder einfordern: „Ich möchte, dass du mir ehrlich erzählst, wie sich das zugetragen hat.“ Vermeiden Sie einen drohenden Unterton. Wenn Ihr Kind zögert, versichern Sie ihm, dass es Ihnen vor allem um die Wahrheit geht und dass es keine Strafe geben wird, nötigenfalls aber Konsequenzen.

Wenn Sie merken, dass momentan nicht der geeignete Zeitpunkt für ein Gespräch ist, vereinbaren Sie ein „Time-out“: „Denk darüber nach: Wir unterhalten uns morgen Nachmittag darüber.“

Um offen zu sein, muss das Kind Vertrauen haben. Vertrauen kann es aber nur, wenn Sie auch wirklich vertrauenswürdig sind. Das geht nur, wenn es keine Bedrohung und keinen Druck spürt, sonst wird es nach weiteren Lügen oder Ausreden suchen, oder einen anderen beschuldigen. Wenn es noch immer Hemmungen oder Widerstand hat, hilft eine Abmachung: „Du musst mir nicht alles sagen. Aber ich wünsche mir, dass das, was du sagst, auch wahr ist.“ Erklären Sie Ihrem Kind auch, wie wichtig Ihnen die gegenseitige Vertrauensbasis ist, die durch das Lügen untergraben wird.

Last, but not least:  Seien Sie Vorbild!

Wie in allen Erziehungsfragen gilt auch hier die goldene Regel: Seien Sie Vorbild!

Maria Neuberger-Schmidt

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2 comments

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