Ist es nicht geradezu logisch, dass Kinder uns nicht ernst nehmen und anders handeln, als wir es erwarten, wenn wir unklare und doppeldeutige Botschaften senden?
- Auszug aus meinem Buch “Gewaltfrei, aber nicht machtlos, Erziehung mit Herz, Verstand und Führungskompetenz, Ennsthaler Verlag 2012, Seiten 74-75, Kapitel 3.6.
Wir Eltern haben daher viel gewonnen, wenn wir unsere eigenen Botschaften auf ihre Stimmigkeit prüfen (Kongruenz). Ich möchte dies mit den vier Ebenen des Nachrichtenquadrats verdeutlichen.
Fallbeispiel 1: Die zertrümmerte Vase
Vater sagt verärgert: „Das ist aber eine schöne Bescherung!“ statt „So ein Missgeschick!“
Sachebene: „Das ist eine schöne Bescherung!“
Versteckte Selbstoffenbarung: „Ich ärgere mich über die kaputte Vase!“
Versteckte Beziehungsebene: „Du machst einem nur Scherereien!“
Versteckter Appell: „Pass nächstes Mal besser auf!“
Analyse: Eine Bescherung ist eigentlich etwas Schönes und erinnert das Kind an Weihnachten. Was soll es nun glauben: Den Worten des Vaters, oder der Botschaft, die in seinem verärgerten, vielleicht sogar drohendem Ton enthalten ist?! Genau das Gegenteil von dem, was er sagt. Vor allem kleine Kinder sind mit ironischen Bemerkungen überfordert. Resultat: Verwirrung.
Fallbeispiel 2: „Das darf man nicht!“
Die 3-jährige Lisa zeigt der Schwiegermutter die Zunge.
Die Mutter, mit verschmitztem Lächeln: „Aber das darf man nicht!“
Welche versteckte Botschaften schickt diese Mutter ihrer Tochter?
Sachebene: „Das darf man nicht!“ (Die Mutter nennt eine Verhaltensregel)
Versteckte Selbstoffenbarung: „Ich mag meine Schwiegermutter nicht!“, oder „Ich spüre Schadenfreude.“
Versteckte Beziehungsbotschaft: „Jetzt hast du es ihr aber gezeigt!“ „Dein Benehmen bereitet mir Genugtuung.“ „Ich bin stolz auf dich!“
Versteckter Appell: „Mach weiter so!“
Analyse: Wie soll sich die kleine Lisa nun auskennen? Die Erfahrung zeigt, dass die non-verbalen, versteckten Botschaften stärker sind als die gesprochenen Worte, welche in diesem Beispiel geradezu gegensätzlich sind. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn Lisa die Nachricht als Ermutigung wertet und der unausgesprochenen Erwartung ihrer Mutter entspricht: „Mach weiter so!“
Fallbeispiel 3: Robin (6 J.) in der Zwickmühle
Robin, 6 Jahre, will auf einen herabhängenden Ast klettern. Nachdem Robin eine Weile im Mittelpunkt gestanden hat, will sich die Mutter mit ihrer Freundin unterhalten und sagt: „Das musst du schon alleine schaffen!“ Während sie das sagt, reicht sie ihrem Sohn halbherzig die Hand. Sie tut geradezu das Gegenteil von dem, was sie sagt.
Was ist Sache? Sachebene: „Es geht darum ob ich dir helfe oder nicht.“
Versteckte Selbstoffenbarung: „Ich will dir zwar nicht helfen, aber ich tu es doch. Ich möchte mich mit meiner Freundin unterhalten, aber ich sag das nicht klipp und klar.“
Versteckte Beziehung-Botschaft: „Du schaffst es nicht allein!“ und „Ich trau dir nicht zu, auf mich Rücksicht zu nehmen!“
Versteckter Appell: „Lass mich in Ruh!“ und gleichzeitig „Stör mich ruhig, wenn du willst!“
Analyse: Was soll Robin glauben? Die Mutter sendet Botschaften voller Widersprüche. Wahrscheinlich schließt er intuitiv daraus: „Sie meint nicht was sie sagt.“ Und: „Wenn ich lästig genug bin, erreiche ich, was ich will.“ Die Erfahrung gibt ihm ja oft Recht.
Maria Neuberger-Schmidt