Kommunikation: Verschlüsseln und Entschlüsseln

Auszug aus meinem Buch “Gewaltfrei, aber nicht machtlos – Erziehung mit Herz, Verstand und Führungskompetenz”, Seiten 72-74

3.5.  Der Vorgang des Verschlüsselns und Entschlüsselns

Die beiden Vorgänge des Verschlüsselns und Entschlüsselns finden immer statt, wenn Menschen miteinander kommunizieren, meistens unbewusst. Gott sei Dank entschlüsseln wir in einem hohen Ausmaß richtig – das heißt, beim Empfänger kommt ungefähr das an, was der Sender gemeint meint, sonst wäre menschliche Kommunikation unmöglich.

Aber stimmiges Verschlüsseln und Entschlüsseln ist gar nicht so selbstverständlich. Der Sender fasst seinen Gedankeninhalt, das, was er sagen will, in Worte. Er verschlüsselt. Das erfordert die hohe Kunst zu abstrahieren und sich auszudrücken. Der Empfänger leistet einen ebenso großen Beitrag zum Gelingen der Kommunikation, indem er entschlüsselt. Das gelingt ihm, indem er zuhört und sich intuitiv überlegt, wie das Gesagte wohl gemeint sei. Das Resultat hängt von seiner Aufmerksamkeit, seinem Wissensstand, seinen Vorerfahrungen, seinem Wohlwollen und von seiner Stimmung ab. Dabei kommt es nicht nur auf die gesprochenen Worte, sondern auch auf Mimik und Tonfall an und auf den jeweiligen Kontext, d.h. auf den Zusammenhang, in dem eine bestimmte Nachricht gesendet wird. Je besser die Beziehungsebene zwischen zwei Menschen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass Botschaften gut gesendet und gut empfangen werden.

Aber auch der Empfänger trägt seinen Teil der Verantwortung dafür, wie die Nachricht bei ihm ankommt. Nehmen wir uns die Mühe, aufmerksam zuzuhören? Fragen wir nach, wenn uns etwas nicht klar ist oder gehen wir naiv davon aus, dass das, was wir verstehen genau das ist, was der Sender gemeint hat? Sind wir von Vorurteilen geprägt? („ich weiß schon, was er sagen will…“, „Das sagt sie ja nur, weil…“ oder „Ich weiß eh, dass er mich nicht mag…“)

Wie schon erwähnt, kann es leicht zu Missverständnissen kommen und manchmal hat man gar den Eindruck, zwei Menschen sprechen nicht dieselbe Sprache – dann kriegen sie alles in die „verkehrte Kehle”, oder es scheint, als lebten sie auf einem „anderen Planeten”. Je konfliktträchtiger die Beziehung, umso häufiger tauchen kommunikative Schwierigkeiten auf. Umgekehrt können diese zu Konflikten führen, die vorher nicht bestanden hatten, weil man gerne dem jeweils anderen die Schuld an einem Missverständnis gibt, das man gar nicht als solches erkannt hat, weil man Dinge gerne „persönlich“ nimmt.

Die Verantwortung des Senders

Wie sieht die Verantwortung des Senders am Gelingen der Kommunikation aus?

Je klarer und kongruenter, d.h. stimmiger der Sender seine Nachricht formuliert, umso leichter kann sie der Empfänger richtig entschlüsseln. Daher tragen wir die Verantwortung dafür, klar zu senden, insbesondere wenn wir mit Kindern reden. Sehen Sie sich die Fallbeispiele 2, 3 und 4 an.

Die Verantwortung des Empfängers

Aber auch als Empfänger tragen wir ein Stück Verantwortung dafür, wie die Nachricht bei uns ankommt. Nehmen wir uns die Mühe, aufmerksam zuzuhören? Fragen wir nach, wenn uns etwas nicht klar ist oder gehen wir naiv davon aus, dass das, was wir verstehen genau das ist, was der Sender gemeint hat? Sind wir von Vorurteilen geprägt und denken „Das sagt sie nur um mich zu ärgern“ oder „Ich weiß eh, was sie sagen will, da brauche ich gar nicht genau hinzuhören“?

Warum kommunizieren Menschen überhaupt?

Sie wollen informieren (Sachebene), etwas bezwecken und Anweisungen geben (Appellebene) oder über sich selber reden (Selbstoffenbarungsebene). Meiner Meinung nach ist es das Mitteilungs- und Geltungsbedürfnis, welches den Inhalt der meisten Gespräche bestimmt. Natürlich ist das auch von Typ zu Typ verschieden. Aber wir wollen, indem wir reden, etwas verarbeiten und uns dabei auch wichtig fühlen. Es geht also um das Bedürfnis nach Selbstoffenbarung, das jedem Menschen angeboren und dessen Befriedigung genauso lebensnotwendig ist wie Essen, Trinken und frische Luft zur Atmen. Wir sollten einander ermöglichen, dieses Bedürfnis in gesunden Proportionen und auf gesunde Weise ausleben zu können. Wenn wir es Kindern ermöglichen, leisten wir den wichtigsten Beitrag für ihre psychische Gesundheit und zur Entfaltung eines gesunden Selbstwertgefühls. Dies gelingt, wenn Eltern Aufmerksamkeit schenken, sich zurücknehmen und aktiv zuhören, wenn Kinder das Bedürfnis haben, uns ihre Erlebnisse mitzuteilen.

Ich bin OK, du bist OK

Es ist vorteilhaft, wenn Menschen so miteinander kommunizieren, als würden sie auf der Ebene der Selbstoffenbarung sagen: “Ich bin O.K.” und die zugrunde liegende Beziehungsbotschaft würde lauten: “Du bist OK.” Das gelingt aber nur, wenn unser Selbstwert intakt ist, wenn wir unsere Stimmungen kontrollieren können und dem anderen Wohlwollen entgegenbringen. Wenn man verliebt ist, sind diese Voraussetzungen optimal vorhanden. Aber wie ist es im Konfliktfall? Wenn ich in einer Stresssituation bin oder jemanden unsympathisch finde? Bin ich auch dann noch dazu willens und fähig?

Spüren Sie, wie wichtig offene, wohlwollende und wertschätzende Kommunikation mit Kindern für deren Entwicklung ist? Ich denke ja, sonst hätten Sie dieses Buch erst gar nicht in die Hand genommen.

Leib und Seele

Die Art und Weise, wie wir mit unseren Kindern kommunizieren, ist prägend für ihr Wohlbefinden und die Entwicklung ihres Selbstwertgefühls. So wie der Körper die Basis unserer physischen Konstitution ist, so ist das Selbstwertgefühl die Grundlage unserer Seele, unserer Persönlichkeit. So wie der Körper braucht es Nahrung um sich zu entwickeln. Wird der Körper verletzt, stößt man einen Schmerzensschrei aus. Wird die Seele verletzt, so reagiert sie mit Abwehr oder Rückzug, ausgedrückt in so manchen Verhaltensauffälligkeiten.

Maria Neuberger-Schmidt

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