Auszug aus meinem Buch “Gewaltfrei, aber nicht machtlos. Erziehung mit Herz, Verstand und Führungskompetenz”, Ennsthaler Verlag, Steyr, 2013. Kapitel 3.4. Seiten 69 – 72
3.4. Unklare Botschaften
Rate doch mal!
In meinem vorangegangen Beispiel mit dem Nachrichtenquadrat (Seite 64) sagt eine Frau „Es zieht!“ Es ist nicht klar, was sie damit sagen will. Manche Menschen haben die Erwartung, der andere müsse das doch erraten und sind enttäuscht, wenn es nicht so ist. Klarer wird die Kommunikation, wenn sie sagt: „Mir ist kalt. Bitte mach das Fenster zu!“ Dann sendet sie gleich auf zwei Ebenen (Selbstoffenbarung und Appell) und der Empfänger weiß, was mit ihr los ist und was sie will. Das macht es ihm leichter, sich in sie hineinzufühlen, sie zu verstehen. Sie gibt ihm eine Chance, in ihrem Sinn zu handeln, anstatt sich zu ärgern, wenn es nicht geschieht – ohne womöglich ihren Anteil am Misslingen der Kommunikation zu erkennen.
Wenn wir es „durch die Blume“ sagen
Ein Merkmal der Erziehung vergangener Tage war es, Kindern, insbesondere Mädchen, zu vermitteln: „Es gehört sich nicht, Wünsche zu äußern, anspruchsvoll zu sein. Das ist unbescheiden und unerzogen.“ Durch solche Botschaften konditioniert, habe viele Erwachsene nicht gelernt, ihre Wünsche offen und adäquat zu formulieren. Sie sagen es daher häufig „durch die Blume“, eben so, dass der andere raten muss. Dann ersparen sie es sich, offen zu ihren Wünschen zu stehen. So sehr ich Blumen liebe, als Kommunikationsmittel zur Verschleierung taugen sie wenig. Sie bringen Missverständnissen und Gefühle der Frustration auf beiden Seiten. Nachdem ich mit dieser Strategie geringe Chancen habe, meine Wünsche und Bedürfnisse befriedigt zu sehen, verleitet sie auch zu Manipulationsspielchen. Irgendwie will man ja doch etwas erreichen. Das Leben wird kompliziert, Beziehungen werden getrübt.
Was ist dabei, offen und freundlich zu sagen, was wir wünschen und was uns stört – solange wir dem anderen die Freiheit lassen, unsere Wünsche zu erfüllen oder auch nicht. Rücksicht und Bescheidenheit sind Tugenden, die ich hoch schätze. Aber sie sollten auf dem Boden eines gesunden Selbstwertgefühls wachsen, als Tugend einer reifen anstatt frustrierten Persönlichkeit, die sich einem anderen zuliebe zurücknehmen, gegebenenfalls aber auch für ihre Bedürfnisse selbstbewusst eintreten kann.
Ich trete für eine offene und wertschätzende Kommunikation mit unseren Kindern von klein auf ein, in welcher beide Seiten einander ernst nehmen und aufeinander hören. Die Anleitung dazu können sie nur von uns Erwachsenen erhalten. Gesprächskultur gehört vorgelebt und eingeübt.
Widersprüchliche Botschaften
Manche Menschen sagen mit Vorliebe genau das Gegenteil von dem, was sie meinen.
„Das ist aber eine schöne Bescherung!“ statt „Welch ein Missgeschick!“
„Das ist aber nicht sehr nett von dir!“ statt „So eine Frechheit!“
„Du hast uns gerade noch gefehlt!“ statt „Gerade jetzt kommst du sehr ungelegen!“
Bei Kindern stiftet eine solche Sprache Verwirrung. Sie nehmen Dinge auf kindlich naive Art wörtlich. Ironie und Zynismus haben immer einen negativen Beigeschmack und sind für Kinderseelen giftig und verwirrend.
„Dann mach doch, was du willst!“
hört man manche Eltern sagen, wenn sie vom Verhalten ihres Sohnes oder ihrer Tochter enttäuscht sind, weil er oder sie nicht auf die Stimme der Vernunft hört. Es ist ein Zeichen von Hilflosigkeit und Resignation, wenn wir Kinder auf solche Weise von uns stoßen. Denn in Wirklichkeit will man genau das nicht. Viele Konflikte ließen sich leicht lösen, wenn Eltern den Mut hätten, ihre ehrlichen Gefühle zu sagen, weil es Kinder ermutigt, dasselbe zu tun, anstatt sich in Protestreaktionen hineinzusteigern.
„Das darf man nicht!“
Stellen Sie sich vor, Ihr Kind benimmt sich unartig einer von Ihnen ungeliebten Person gegenüber. Dann kann es vorkommen, dass man das Kind verbal dafür tadelt, weil man korrekt sein will, das Kind jedoch ein geheimes Lächeln, vielleicht sogar eine gewisse Genugtuung bei Ihnen verspürt. Worauf soll es reagieren: auf das, was Sie sagen, oder auf das, was Sie ausstrahlen? Kinder entscheiden sich immer für das Letztere, denn sie sind Meister der intuitiven Kommunikation. Weil sie die Zusammenhänge aber nicht logisch zuordnen können, entsteht Verwirrung: „Was meint meine Mutter nun eigentlich?!“ Fragt das Kind nach, so heißt es meistens „Sei nicht so frech!“ weil man sich ertappt fühlt.
Maria Neuberger-Schmidt