Die Nachrichtenanalyse

“Der Schlüssel für jede gute Beziehung ist eine klare Kommunikation
und der Respekt vor der Persönlichkeit und Individualität des anderen.”

Thomas Gordon

Auszug aus meinem Buch “Gewaltfrei, aber nicht machtlos. Erziehung mit Herz, Verstand und Führungskompetenz”, Ennsthaler Verlag, Steyr, 2013. Kapitel 3.1. und 3.2., Seiten 61 – 68

3.1. Die 4 Seiten der Nachricht

Quelle: “Miteinander reden” Teil 1, von Friedemann Schulz von Thun

Das “Nachrichtenquadrat” des deutschen Kommunikationsforschers Friedemann Schulz von Thun stellt ein hervorragendes Kommunikationswerkzeug dar, um die “Botschaften zwischen den Zeilen” zu verstehen. Da man bei der Anwendung dieses “Werkzeugs” bewusster senden und entschlüsseln lernt, versuchen wir in unseren Seminaren, Eltern damit vertraut zu machen – falls sie es nicht ohnehin schon sind, denn es wird häufig auch in beruflichen Weiterbildungsseminaren verwendet. Das dahinter liegende Prinzip lässt sich in wenigen Minuten erklären. Ich lade Sie ein, die beiden Graphiken zu betrachten, die 4 Seiten der Nachricht zunächst aus der Sicht des Senders (der Sender mit den 4 Zungen), dann aus der Sicht des Empfängers (der Empfänger mit den 4 Ohren), der die empfangene Nachricht hört und entschlüsseln muss.

Zu Übersicht 2: „Die 4 Seiten einer Nachricht!“

Laut F. Schulz von Thun hat jede Nachricht gleichzeitig vier Ebenen, der Sender spricht sozusagen mit vier Zungen.

Die Sachebene

Immer, wenn jemand sendet, gibt es einen Sachinhalt. Das lässt sich mit der Frage auf den Punkt bringen: Worum geht es? Worüber informiere ich? Es sind Informationen, Erklärungen, Beschreibungen, Argumente.

Die Selbstoffenbarungsebene

Immer, wenn jemand verbal oder auch non-verbal eine Nachricht sendet, sagt er oder sie auch etwas über sich selber aus. Wir bekommen einen Eindruck, ein Bild von der Person, selbst wenn wir sie nicht sehen, wenn sie zum Beispiel im Radio spricht. Das ist die Ebene der Selbstoffenbarung oder Ich-Ebene. Nicht immer ist den Menschen bewusst, was sie auf dieser Ebene senden. Das hat viel mit Selbsterkenntnis zu tun. Oft haben wir aber geradezu einen blinden Fleck. Die Frage lautet: Wie wirke ich auf andere? Was tu ich von mir selber kund? Wir können diese Ebene ausdrücklich zum Thema machen, zum Beispiel: „Ich komme aus Österreich.“ „Ich liebe Musik“ „Ich freue mich“ „Ich bin müde“ „Ich bin verärgert.“ Wenn wir uns Klarheit verschaffen wollen, können wir auch danach fragen, wie wir auf andere wirken: „Welchen Eindruck hast du von mir?“ Was wir hier senden, ist zum einen situationsbezogen, von unserer momentanen Befindlichkeit abhängig, aber auch von unserem Charakter, unserem Temperament, unserer Persönlichkeit, von unserem Äußeren und unserem Outfit, das zu unserer Persönlichkeit passen kann oder auch nicht.

Die Beziehungsebene:

Immer wenn wir eine Nachricht senden, dann drücken wir irgendwie auch aus, wie wir zu der Person stehen, zu der wir sprechen, was wir von ihr halten, welche Einstellung und welchen hierarchischen Bezug wir zu ihr haben. Das kann idealer Weise neutral wohlwollend sein und eine Haltung der Wertschätzung ausdrücken, aber auch ängstlich, unterwürfig, oder abschätzend, überheblich, oder demütigend sein. Wenn ich sage „Ich liebe dich“ oder „Ich hasse dich!“ habe ich beide Male direkt zum Ausdruck gebracht, wie ich zu dir stehe, einmal auf positive, das andere Mal auf negative Weise, das heißt, die andere Person wird es entweder gerne hören oder auch nicht, sich dabei gut oder verletzt fühlen.

Meist wird aber der Beziehungsinhalt jedoch nicht direkt sondern indirekt, anders gesagt nicht explizit, sondern implizit ausgedrückt.

Der Appell

Auf der Appellebene bringe ich zum Ausdruck, bewusst oder unbewusst, was ich vom anderen erwarte, wozu ich ihn veranlassen möchte. Das lässt sich mit der Frage klären: „Was will ich von dir?“ „Wozu sage ich das überhaupt?“

Die Bedeutung der Nachricht ergibt sich immer aus einem bestimmten Kontext, den wir als Ganzes sehen müssen um sie richtig zu interpretieren. Sie wird über das gesprochene oder geschriebene Wort, die Sprache, Gestik und Mimik kommuniziert, welche dem Inhalt des Gesagten die besondere Bedeutung verleihen. Nicht umsonst sagt das Sprichwort: „Der Ton macht die Musik!“

Eine der 4 Seiten der Nachricht steht immer im Vordergrund, d.h. sie wird ausdrücklich, explizit, gesagt, während die anderen Botschaften meist unausgesprochen, implizit darin enthalten sind.

Fallbeispiel 1: Eine Frau macht folgende Bemerkung: „Es zieht!“

Es handelt sich hier vordergründig um eine Nachricht auf der Sachebene. Sie macht eine Feststellung. Welche Selbstoffenbarung macht sie mit dieser Bemerkung? Anders gesagt: Was glauben wir, was sagt diese Person damit über sich selber aus? Wahrscheinlich: „Mir ist kalt.“ Was sagt dieser Satz über ihre Beziehung zu demjenigen oder derjenigen aus, dem oder der sie das sagt? Das kann neutral wohlwollend sein, es könnte aber auch einen unterschwelligen Vorwurf enthalten, je nach Tonlage („Merkst du nicht, dass mir kalt ist?!“) Schließlich: Welchen Appell sendet diese Frau damit? Wahrscheinlich: „Mach das Fenster zu!“ oder „Ich möchte dich nur informieren, dir meine Befindlichkeit mitteilen.“

Wir merken, dass die Antworten vielschichtig und nicht eindeutig sind. Aus der Sicht des Empfängers sind es bloße Vermutungen. Ihre Deutung ergib sich aus dem jeweiligen Kontext und lässt sich aus Ton, Mimik und Gestik interpretieren. Sehen wir uns deshalb die nächste Graphik an.

3.2.   Der Empfänger mit den 4 Ohren

Betrachten Sie dazu die Übersicht 3

Um eine Nachricht zu entschlüsseln, muss der Empfänger Vermutungen darüber anstellen, wie das Gesagte wohl gemeint sein mag. Er hört sozusagen mit 4 Ohren gleichzeitig, indem er sich intuitiv folgende Fragen stellt:

Das Sach-Ohr

Auf der Sachebene: „Worum geht es eigentlich? Ist die Information klar für mich?“ Habe ich überhaupt akustisch richtig verstanden? Hier hilft Nachfragen: „Kannst du es bitte wiederholen? Ich habe dich nicht gut gehört.“ Oder: „Ich habe das nicht gut verstanden. Kannst du es mir bitte erklären?“ Oder „Was bedeutet eigentlich XY?“

Das Selbstoffenbarungsohr

Auf der Selbstoffenbarungsebene fragt sich der Zuhörer: Was ist das für einer? Wie ist seine oder ihre momentane Stimmung? Wenn jemand Selbstoffenbarungsbotschaften gut entschlüsseln kann, spricht man von Menschenkenntnis.

Unser unsichtbares Schild

Ist es nicht so, als würden wir Menschen wie mit einem unsichtbaren Schild durchs Leben gehen, auf der Botschaften stehen können wie: „Ich bin offen und kommunikativ“, „Ich bin ängstlich und misstrauisch“,  „Keiner mag mich!“, „Ich bin zu kurz gekommen!“, „Ich traue niemandem“, „Ich lasse mir nichts gefallen“, „Ich habe Komplexe“,  „Ich bin die Größte!“, „Ich bin ein Optimist“ oder „Ich bin ein Menschenfreund“. Vor einigen Jahren sah ich einen Film mit Andreas Vitasek, in welchem die Hauptdarstellerin sagte: „Spätestens mit 40 hat jeder das Gesicht, das er sich verdient!“ Ich denke, da ist etwas Wahres dran. Für mich sagt dieser lockere Spruch aus, dass uns Dinge im Leben nicht einfach nur passieren, sondern dass wir die Wahl haben, selbst an unserer Persönlichkeit zu arbeiten oder es auch bleiben zu lassen, bewusst nach Werten zu leben oder uns gehen zu lassen – und dass man es uns mit der Zeit ansieht, welche Grundeinstellung wir im Leben haben.

Das Beziehungsohr

Am empfindlichsten reagieren die meisten Menschen am Beziehungsohr. Intuitiv stellen wir uns die Frage: „Wie steht diese Person zu mir? Mag sie mich? Akzeptiert sie mich? Nimmt sie mich ernst? Wenn wir Störungen am Beziehungsohr wahrnehmen, sollten wir es ansprechen, weil diese Ebene die sensibelste ist und die gesamte Kommunikation und Beziehung zwischen zwei Menschen beeinträchtigen kann.

Das Appellohr

Schließlich gibt es noch das Appellohr. Da stellen wir uns die Frage: „Was erwartet der Sprecher von mir?“ „Wozu will er mich motivieren, überreden oder anleiten?“

Wenn Eltern versuchen, die Wünsche und Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen, sind sie appellorientiert. Das ist bei Babys und Kleinkindern durchaus angemessen und notwendig. Später kann die einseitige Betonung des Appellohrs in Verwöhnung ausarten – wenn wir einseitig darum bemüht sind, unseren Kindern jeden Wunsch von den Augen abzulesen, unsere eigenen Bedürfnisse dabei missachten und unmerklich beginnen, uns von ihnen dirigieren zu lassen.

Umgekehrt haben Kinder oft ein Problem mit dem Appellohr. Oft wollen sie so gar nicht tun, was von ihnen erwartet wird.

Wer effizient kommunizieren will, tut gut daran, auf alle vier Ebenen gleichzeitig zu achten. Welche Ebene gerade die wichtigste ist und auf welcher Ebene wir reagieren wollen, können wir bewusst entscheiden.

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