Oliver Tanzer über Karl Marx, Teil 4: eine Vision vom Menschen


Gedanken für den Tag, Radio Ö1 – Freitag, 4.5.2018, 7:55

https://oe1.orf.at/player/20180504/517730

Oliver Tanzer zum 200. Geburtstag von Karl Marx
Gedanken für den Tag

„Opium des Volkes“ – Zum 200. Geburtstag von Karl Marx spricht Oliver Tanzer, Autor und Leiter des Wirtschaftsressorts der Wochenzeitung „Die Furche“. – Gestaltung: Alexandra Mantler

Wenn man sich die Vision des Menschen im Kommunismus des Karl Marx vorstellen wollte, dann würde sie so aussehen: Philosoph, Viehzüchter, Naturwissenschaftler und Facharbeiter in einem. Solche Menschen gibt es äußerst selten und das hat weder mit ihren Wünschen noch mit ihren Talenten etwas zu tun, sondern schlicht mit den Möglichkeiten des real existierenden Lebens.

Auch die historischen Beispiele des Kommunismus können wir beruhigt streichen, denn sie realisierten statt der Diktatur des Proletariats meist die Diktatur der Psychopathen. Nein, um ein erfolgreiches marxistisches Leben beobachten zu können, müsste man schon ins Kino gehen. Meine Tochter Lea tut das und gab mir diesen Tipp. In Star Trek, vulgo Enterprise, erzählen sie von einem Land, in dem die Pflicht zur Arbeit aufgehoben ist. Denn alle Güter können von sogenannten Replicatoren hergestellt werden. Eigentum ist in solchem Überangebot vorhanden, dass es nur noch von untergeordnetem sozialen Wert ist. Dort lebt also Captain Kirk. Geld gibt es in der Föderation nur für den Austausch mit barbarischen Stämmen. Zu denen gehören auch die Ferengi, Nachkommen von Turbokapitalisten, die nach einem sogenannten „heiligen Gesetz der Aquisition“ leben und in ihrem sozialen Status dann aufsteigen, wenn sie einen anderen Ferengi durch Betrug übervorteilen.

Science Fiction, ja vielleicht, aber interessant ist doch, dass es viele Fantasien der Star Trek-Drehbuchschreiber schon zur technischen Verwirklichung geschafft haben – von der elektrischen Schiebetür bis zum PC mit Touchscreen. Wenn wir uns also entscheiden müssten, Föderierte sein zu wollen oder Ferengis, was würden wir tun? Um Ferengi zu werden reicht es, genau so weiterzumachen wie bisher. Zum Status der Föderierten fehlt allerdings noch ein Quantensprung. Denn der selbstgenügsame und bescheidene Mensch, der den Frieden mit seiner Gattung und mit der Umwelt über alles andere stellt, müsste seine sämtlichen Instinkte überwinden. Also uns selbst. Wir sind davon sogar so weiter entfernt als von der marxistisch-föderativen Form der leiblichen Auferstehung, die dann eintritt, wenn es heißt: „Scotty, beam me up!“

 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.