Oliver Tanzer über Karl Marx, Teil 1: Der Fenstergucker


Gedanken für den Tag, Radio Ö1 – Montag, 30.4.2018, 7:55

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Oliver Tanzer zum 200. Geburtstag von Karl Marx

„Opium des Volkes“ – Zum 200. Geburtstag von Karl Marx spricht Oliver Tanzer, Autor und Leiter des Wirtschaftsressorts der Wochenzeitung „Die Furche“. – Gestaltung: Alexandra Mantler

Der Fenstergucker

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als Karl Marx gerade seinen Ruhm in London und Paris begründete, da war in der Malerei der „Blick aus dem Fenster“ ein äußerst beliebtes Motiv. In einer Welt, in der sich alles ändert, sind solche Blicke aus dem Fenster sinnvoll. Denn drinnen ist ein geschützter Raum, draußen das Uneinschätzbare – die Gegenwart und die Zukunft. Aus der Deckung des Inneren sieht man die Gegenwart draußen klarer, und weil man sie so klar sieht, sieht man manchmal auch die Zukunft.

Karl Marx war in diesem Sinn ein Fenstergucker. Draußen brüllte die industrielle Revolution, die Dampfmaschine von James Watt betrieb den ersten Schwall an produktivem Fortschritt, während sich die Gesellschaft in Auflösung befand. Die Bauern und Knechte, Frauen und Kinder strömten zu Tausenden in die Fabriken oder sie wurden in die Armenhäuser getrieben, während die Politik so tat, als wäre nichts geschehen. Und am Fenster: Karl Marx.

Wie würde Karl Marx heute am Fenster stehen und die digitale Revolution sehen? Natürlich würde er nicht durch ein Fenster schauen, sondern durch ein Computersystem namens Windows. Und dort in all diesen Windows würde er uns sitzen sehen, wie wir digital arbeiten, uns unterhalten oder vielleicht sogar virtuelle Identitäten annehmen.

Und dann würde Marx fragen, wer denn hier den Mehrwert schafft in dieser schönen neuen Zeit. Das wären wieder wir, all unsere Millionen und Milliarden Identitäten auf Facebook und sonstwo. Das ist das Kapital der neuen Zeit. Und dafür, dass wir uns als Kapital verschenken, dürfen wir digital miteinander reden, spielen und Fotos oder Filmchen zeigen. Marx würde dann unwillkürlich an Facebooks und Googles Opium für das Volk denken. Und bitter schmunzelnd zusehen, wie während unseres Rausches all das Kapital, das mit uns gemacht wird, bei unseren Dealern landet. Und dann würde Karl Marx den ersten Satz seines digitalen Manifestes schreiben, auf Papier mit Feder und Tinte: „Internetmassen aller Plattformen, vereinigt euch!“

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