Die Macht des Opfers

Welche Möglichkeiten hat jemand, der Opfer eines Unrechts oder einer Gewalttat wird, außer Resignation oder Vergeltung?

Die Lösung, der Ausweg, wurde schon vor etwa 2000 Jahren propagiert, durch Jesus Christus: Nur die Haltung des Verzeihens, des Bemühens, Böses mit Gutem zu „vergelten“ kann den Teufelskreis des Unrechts durchbrechen, Einsicht und Versöhnung herbeiführen und das Opfer vor Verbitterung bewahren.

Die Fähigkeit, zu verzeihen, erfordert Selbstüberwindung und setzt einiges voraus:

Den Mut, sich eine „Blöße“ zu geben, den „Gegner“ ehrlich wissen zu lassen, wie sehr er mich verletzt hat, die Tat, nicht den Täter verurteilend. Wie sonst soll der „Schuldige“ wissen, was er angerichtet hat? Verzeihen können bedeutet, sich vom Hass und den negativen Gefühlen des Angreifers nicht anstecken zu lassen. Diese Haltung darf nicht von der Einsicht oder der Entschuldigung der Gegenseite abhängig gemacht werden. Nur frei von Bedingungen wird sie ein wahrhaft erlösendes Geschenk – ob der Täter davon erfährt oder auch nicht. Wem solche Überwindung des eigenen, bedürftigen, verletzten Egos gelingt, der hat in Wahrheit gewonnen, denn er oder sie bekommt Zugang zum seinem eigentlichen, starken und liebevollen höheren Selbst.

Keine andere Kraft ist so befreiend und Frieden stiftend wie die Haltung des ehrlichen Verzeihens. Wer sonst, als das „Opfer“ hat dazu die Macht?

Maria Neuberger-Schmidt

P.S.: Wenn ich in diesem Zusammenhang von Macht spreche, so meine ich damit, dass ich nicht hilflos ausgeliefert bin, sondern dass ich etwas machen kann. Das ist Selbstwirksamkeit: die Möglichkeit, Einfluss auch Dinge, Situationen und den Lauf der Welt zu nehmen.

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